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Chaos an der Zollschranke

- Dr. Bert Flossbach

Donald Trumps chaotische Politik wirbelt die Weltwirtschaft durcheinander. Dabei gibt es nur Verlierer, darunter auch die Vereinigten Staaten von Amerika.

Mehr denn je bestimmt ein Mann (beziehungsweise dessen Regierung) die politischen und wirtschaftlichen Perspektiven der ganzen Welt. Donald Trumps erratische Zoll-, Außen- und Innenpolitik sorgt vor allem in der Handelswelt für große Verunsicherung.

Am 2. April wollte der US-Präsident diese Unsicherheit beseitigen und trat vor die Presse, um die Details seiner neuen Zollpolitik zu verkünden. Nach einer halbstündigen Klage über die unfaire Behandlung der USA und das übliche Selbstlob hielt er eine Tafel mit der Überschrift „Reciprocal Tariffs“ hoch. Darauf waren die Zölle zu sehen, die die einzelnen Länder angeblich auf Produkte aus den USA erheben würden.

Man musste sich die Augen reiben, denn sie schienen unglaublich hoch. Daneben standen dann die zukünftig geltenden reziproken Zölle der USA. Trump bezeichnete sie als „mild reziprok“, weil sie zumeist nur halb so hoch waren.

So erhebt die EU angeblich 39 Prozent auf US-Waren, die nun scheinbar mildtätig von den USA mit nur zwanzig Prozent beantwortet werden sollen. Tatsächlich erhob die EU im Jahr 2024 aber nur 1,7 Prozent an Zöllen auf Warenimporte aus den USA (handelsgewichteter Durchschnitt).

Wie kommt Trump auf seine skurril hohen Zahlen?

Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes „fake“. Die Berechnungslogik der reziproken Zölle ist völlig absurd und hat mit der Zollrealität nichts zu tun. Sie basiert auf dem Handelsdefizit gegenüber einem anderen Land und setzt dies ins Verhältnis zu den gesamten Warenimporten. Die Auswirkungen für einzelne Länder wären vernichtend.

Das zeigt etwa das Beispiel Vietnam: Das Land verkaufte im Jahr 2024 Waren im Gegenwert von 136 Milliarden US-Dollar an die USA. Im Gegenzug wurden Waren im Wert von 13 Milliarden aus den Vereinigten Staaten importiert. Das heißt, das US-Defizit im Warenhandel betrug 123 Milliarden US-Dollar.

Dieses Defizit haben die Trump-Leute dann ins Verhältnis zu den Warenimporten in die USA in Höhe von 136 Milliarden US-Dollar gesetzt. Daraus errechnet sich ein reziproker Zollsatz von 90,4 Prozent (123,46/136,56). Die Hälfte davon ergibt den „mild reziproken“ Zollsatz von 46 Prozent.

Tatsächlich hat Vietnam auf die US-Warenimporte zuletzt nur einen handelsgewichteten Zollsatz von 2,9 Prozent erhoben (nach Angaben der Welthandelsorganisation). Umgekehrt belegten die USA Warenimporte aus Vietnam mit einem handelsgewichteten Zollsatz von 3,2 Prozent.

Absurde Berechnung der reziproken Zölle

Nicht nur Ökonomen dürften sich bei dieser absurden Berechnung die Haare raufen. Trumps Zollideologie basiert auf der Ansicht, dass Importe generell schlecht und Exporte gut sind. Ein Handelsbilanzdefizit, wie es die USA seit Jahrzehnten aufweisen, zeige demnach, dass die USA von ihren Handelspartnern über den Tisch gezogen würden. Trump sieht das Ganze als Negativsummenspiel.

Die erhoffte Reindustrialisierung der USA und Millionen neuer Jobs werden mit einer auslandsfeindlichen, revanchistischen Wirtschaftspolitik aber nicht gelingen. Zudem können die USA all die importierten Güter gar nicht selbst herstellen, weil es dazu an Kapazitäten, Personal und manchmal auch an Know-How fehlt. Und wenn sie es versuchen würden, wären die Produkte für viele Amerikaner nicht mehr erschwinglich.

Dauerhaft implementiert würden die reziproken Zölle den Handel mit den USA weitgehend zum Erliegen bringen und zu einer Weltwirtschaftskrise führen. Ein Blick in die US-Zollhistorie verdeutlicht das Ausmaß der angekündigten Zollerhöhungen, wenn sie denn tatsächlich kämen (siehe Grafik). Mit gut 30 Prozent lägen sie weit höher als in der Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er-Jahre. Deshalb ist zu hoffen, dass früher oder später Vernunft einkehrt.

Chaos an der Zollschranke -

In den Zollhäfen der USA herrscht seit Tagen Chaos, weil niemand Genaues weiß. Die Planbarkeit für Käufer und Verkäufer, für Unternehmen und Konsumenten leidet. Das wird auch die Wirtschaft treffen.

Droht in den USA eine Rezession?

Die US-Notenbank hat deswegen ihre Wachstumsprognose (2025) für die US-Wirtschaft schon im März von 2,1 Prozent auf 1,7 Prozent gesenkt. Sollten die angekündigten Zölle tatsächlich dauerhaft implementiert werden, wäre dies noch viel zu optimistisch und eine Rezession in den USA unvermeidlich.

Die von der Europäischen Union (EU) bislang angekündigten Gegenzölle auf Importe von Bourbon-Whiskey, Motorrädern, Stahl und Aluminium sind weder geeignet, die Taschen der EU zu füllen, noch Trump zu beeindrucken. Ein genialer Schachzug wäre es, alle Importzölle auf US-Waren komplett zu streichen. Das wäre für Trump ein optischer Erfolg, der für die EU aufgrund der geringen Zolleinnahmen auf US-Waren von rund sechs Milliarden Euro leicht zu verschmerzen wäre. Trumps Klage wäre damit der Boden entzogen.

Macht ohne Kontrolle

Trumps Zollkrieg ist ein Beispiel für den Missbrauch der ökonomischen, militärischen und finanziellen Ausnahmestellung der USA für seine persönlichen Ziele. Er wuchert mit dem Pfund des US-Exzeptionalismus. Jeder Regierungschef eines anderen Landes würde ausgelacht, wenn er ähnlich rabiat agierte. Die USA aber verfügen über billige Energie, die Weltleitwährung US-Dollar und sind von zwei großen Ozeanen umgeben, die es von außen praktisch unangreifbar machen.

Schwächen können sich die USA nur von innen, etwa durch die Aushöhlung des Rechtsstaats. Genau das droht durch Trumps Versuch, seine Kompetenzen gegenüber anderen Staatsgewalten auszuweiten. Das ist zwar nichts Neues in der US-Geschichte, wurde aber stets durch das System von „Checks and Balances“ begrenzt. So sah sich Richard Nixon 1974 nach der Watergate-Affäre zum Rücktritt gezwungen, um einem Amtsenthebungsverfahren zuvorzukommen.

Trumps Ausgangslage ist aber eine andere. Der mehrheitlich konservative US-Supreme Court hat dem Präsidenten weitgehende strafrechtliche Immunität für Amtshandlungen gewährt. Bei den Republikanern im Kongress dominieren die Trump-Loyalisten, republikanische Widerständler werden eingeschüchtert. Die orientierungslose demokratische Opposition hat dem bislang nichts entgegenzusetzen.

Postdemokratischer Umsturz von oben

Trump missachtet richterliche Beschlüsse und untergräbt damit die Gewaltenteilung. Er höhlt die Demokratie von innen aus und wird dabei von Technologie-Oligarchen wie Elon Musk nach Kräften unterstützt. Es fühlt sich an wie ein postdemokratischer Umsturz von oben, den man in Recep Tayyip Erdogans Türkei für möglich halten würde, nicht aber in den USA, der Wiege der modernen Demokratie.

Das dürfte ausländische Unternehmen, hochqualifizierte Arbeitskräfte und Akademiker eher abschrecken und die Attraktivität des Forschungs-, Entwicklungs- und Produktionsstandorts USA schwächen.

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Im Fokus standen vor allem die USA. Die Wahl des neuen, alten Präsidenten. Oder der unerschütterliche Boom bei den großen Tech-Aktien. Nie war deren Gewicht in den internationalen Aktienindizes so groß wie in diesen Tagen. Geht die Rally weiter?
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Insofern ist die Prognose, dass auch 2025 ein „außergewöhnlicher“ Jahrgang werden könnte, nicht allzu gewagt.

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