Autos, Stahl und Champagner – immer neue Zollandrohungen aus den USA bedrohen den Welthandel. Was plant Donald Trump?
Mit der Wahl von Donald Trump zum 45. und 47. Präsidenten der USA haben Zölle Hochkonjunktur. Das friedliche Kanada, das aufstrebende Mexiko, das arme Kolumbien, die träge EU oder das rivalisierende China: Kein Land scheint vor den Zolldrohungen des poltrigen Präsidenten sicher zu sein. Zuletzt eskalierte der Streit mit Kanada. Das Land solle die „unverschämten“ antiamerikanischen Zölle von 250 bis 390 Prozent auf US-Milchprodukte fallen lassen.
Sonst würde Trump die kanadische Automobilproduktion vernichten. Wenig später drohte der Präsident der EU mit 200 Prozent Zöllen auf Wein und Champagner. Nun geht es um Autos, die mit einem Zoll von 25 Prozent versehen werden sollen.
Nach starken Einbrüchen auf den Weltfinanzmärkten sehen viele durch Trumps Zollpolitik die Weltkonjunktur bedroht. Trump versuchte daraufhin zu beschwichtigen. Doch was will er mit den Zöllen eigentlich? Die USA wieder groß machen? Unfaire Handelspraktiken bestrafen? Oder endlich das immense Leistungsbilanzdefizit der USA kurieren?
Trump hat wiederholt betont, dass er mit den Zöllen „gestohlenen Wohlstand“ zurückholen will. Dieser Gedanke geht auf den Merkantilismus zurück, der Handel als Nullsummenspiel sah: Was der eine gewinnt, muss der andere verlieren! Der führende Vertreter dieser Denkschule Jean-Baptiste Colbert (1619-1683) glaubte, dass Wohlstand durch Handelsüberschüsse entstünde, weil diese Gold ins Land bringen. Das passt zu „Make America Great Again“.
Hingegen haben der Schotte Adam Smith (1723-1790) und der Brite David Ricardo (1772-1823) gezeigt, dass von Handel beide Seiten profitieren. Denn Handel kommt nur zustande, wenn zwei das wollen. Da sich beide Seiten spezialisieren, kommt es zu Produktivitäts- und damit Wohlstandsgewinnen. Entsprechend hat nach dem Zweiten Weltkrieg die Liberalisierung des Welthandels allen Beteiligten riesige Wohlstandsgewinne gebracht. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte hingegen ausgehend von den USA ein Zollwettlauf die Weltwirtschaft instabil gemacht.
Allerdings sagt Ricardos Theorie auch, dass einzelne Sektoren von Zöllen profitieren können. Die US-amerikanische Industrie leidet seit vielen Jahrzehnten unter der ostasiatischen und europäischen Konkurrenz. Zölle können Industriearbeiter schützen, unter denen viele Trump-Anhänger sind. Die Menschen in anderen Sektoren würden hingegen nur unter steigenden Preisen leiden.
Noch letztes Jahr hatten die USA eines der geringsten Zollniveaus unter den Industrieländern. Die Welthandelsorganisation WTO gibt für 2024 ein durchschnittliches Niveau von 3,4 Prozent an. Dem stehen 3,9 Prozent in Japan und 5,1 Prozent in der EU entgegen. Die USA erheben auf die meisten Autoimporte einen Zoll von 2,5 Prozent, während die EU 10 Prozent kassiert. Trumps Forderung nach Reziprozität scheint aus dieser Sicht durchaus berechtigt.
Das durchschnittliche Zollniveau von China lag 2024 nach WTO sogar bei rund 7,5 Prozent. Darüber hinaus hält der Industriegigant mit Exportsubventionen und mit einer Abwertung des Yuan seine überdimensionierte Industrie über Wasser. Auch Trumps Klagen über Verletzungen von Patenten, Marken- und Urheberrechten haben bei China ihre Berechtigung.
Doch China dürfte mit seiner Handelspolitik in erster Linie sich selbst schaden. Denn Exportsubventionen sind teuer. Der arme chinesische Steuerzahler – das BIP pro Kopf liegt dort bei ca. 13.000 Dollar – subventioniert die reichen US-amerikanischen Konsumenten (BIP pro Kopf: ca. 83.000 Dollar). Die Abwertung des Yuan gegenüber dem Dollar macht chinesische Waren in den USA günstiger, während sie US-amerikanische Waren für Chinas Konsumenten teurer macht.
Und auch das dauerhafte Leistungsbilanzdefizit der USA kann Trump mit Zöllen nicht wie versprochen korrigieren. Dieses geht auf die frühen 1980er-Jahre zurück, als wachsende Kapitalzuflüsse aus Japan in den USA den massenhaften Kauf von japanischen Autos, Elektroartikeln und Maschinen finanzierten. Weder Aufwertungen des Yen, noch (angedrohte) Strafzölle, noch die Verlagerung japanischer Automobilproduktion in die USA konnten das Ungleichgewicht beseitigen.
Die von den USA eingeforderte immense Yen-Aufwertung ab September 1985 im Zuge des berühmten Plaza-Abkommens ließ nicht nur die japanischen Exporte zurückgehen. Japan stürzte auch in eine Krise, was die Importe sinken ließ. Die erhoffte Auswirkung auf die Handelsbilanz als wichtigster Teilgröße der Leistungsbilanz blieb aus. Ein ähnlicher Effekt ist denkbar, wenn die USA plötzlich auf breiter Front hohe Zölle erheben.
Denn die Triebgröße von Leistungsbilanzsalden sind die Nettokapitalflüsse. Da die hoch entwickelten Kapitalmärkte der USA mehr Kapital anziehen als abfließt, kann das Land auch mehr Güter und Dienstleistungen importieren. Und die Kredite aus dem Ausland müssen die USA nicht einmal zwingend zurückzahlen. Da der US-Dollar die internationale Leitwährung ist, können sich die USA in eigener Währung im Ausland verschulden. Und die Verbindlichkeiten durch Inflation abschmelzen. Es macht also wenig Sinn, dass Trump die USA dieses „exorbitanten Privilegs“ beraubt.
Aber was soll der Zollwahn dann eigentlich? Zwar erwarten viele seiner Wähler, dass er ihre Arbeitsplätze schützt. Doch Trump hat ihnen auch eine höhere Kaufkraft versprochen. Zölle würden die Preise von Konsumgütern nach oben treiben. Da der Konsum rund 70 Prozent der Wirtschaftsleistung der USA ausmacht, würden sie das Wachstum und die Lohnsteigerungen ausbremsen. Die daraus resultierende schlechte Stimmung an den Börsen käme vielen Unterstützern Trumps einschließlich Elon Musk wohl nicht zupass.
Es ist deshalb wahrscheinlicher, dass Trump Zölle als Druckmittel sieht, um Zugeständnisse zu erzwingen, beispielsweise beim Schutz gegen Migration und Drogenimporte oder sogar beim Abbau von Zöllen. Auch der Wohlstand der USA basiert auf der Globalisierung.
Die USA dürften kaum riskieren, dass verstimmte Handelspartner Kapital aus den USA abziehen, wie dies China bereits tut. Es bleibt deshalb zu hoffen, dass – wie schon in der ersten Amtszeit von Trump – die handelspolitische Suppe nicht so heiß gegessen, wie sie gekocht wird.
Der Artikel ist als Gastbeitrag in der Tageszeitung „Die Welt“ erschienen.
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